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Hanns Eisler

Sehr geehrte Damen und Herren,

auf diesem Wege möchte ich Sie schon heute auf den

50. Todestag von Hanns Eisler

im Jahr 2012 aufmerksam machen.

Wie bereits 1998, anlässlich des 100. Geburtstages von Hanns Eisler und Bert Brecht, möchte ich auch 2012 die Gelegenheit wahrnehmen, an diesen bedeutenden Komponisten zu erinnern.

Hanns Eisler wurde 1898 als Sohn österreichischer Eltern in Leipzig geboren, wuchs ab 1901 in Wien auf und blieb Zeit seines Lebens Österreicher. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm er Unterricht bei Arnold Schönberg und gehörte neben Anton von Webern und Alban Berg zu den wichtigen Künstlern der Avantgarde (2. Wiener Schule) zwischen den beiden Weltkriegen. 1925 entdeckte er für sich Berlin und wurde neben Kurt Weill der wichtigste Komponist für den Dramatiker Bert Brecht (1898-1956) – 1933 ging er nach Amerika in die Emigration und schrieb für Hollywood Film-Musiken. 1947 zitierte man ihn vor das Kommitee für „antiamerikanische Umtriebe“. Eisler wurde abgeschoben und kam über Prag und Wien zurück nach Deutschland, wo er sich 1950 in Ost-Berlin niederließ. Er starb am 7. September 1962 und fand auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in der Chausseestraße, ganz in der Nähe des Brecht-Grabes, seine letzte Ruhe.

Das Schaffen von Hanns Eisler ist eng mit der politischen Situation und den „Verhältnissen“ verbunden, mit denen er sich konfrontiert sah. Von Arbeiterchören und „Agitations-Liedern“ über Oratorien, Symphonien und Schauspiel-Musiken bis hin zu Brecht- und Tucholsky-Vertonungen spannt sich das musikalische Schaffen eines Komponisten, der heute immer noch häufig und vollkommen zu Unrecht auf die Komposition der DDR-Hymne reduziert wird.
Hanns Eislers Werk ist vielschichtig, spannend und regt zum Nachdenken an. Seine An- und Einsichten bleiben diskussionswürdig. Eine lebendige Auseinandersetzung gereichte diesem eindrucksvollen Künstler zu Ehren.

Vier Möglichkeiten, Hanns Eislers zu gedenken, möchte ich Ihnen auf diesem Wege vorschlagen:

1. Wenn Sie die Möglichkeit haben, ein komplettes Werk von Hanns Eisler aufzuführen, z.B. einen Liederzyklus wie die „Hollywood Elegien“, seine groß angelegte „Deutsche Symphonie“, ein Kammermusik-Werk oder ein Chorstück, wäre das großartig.
Ich würde Ihnen gerne Einführungsvortrag und die Öffentlichkeitsarbeit beisteuern.

2. Wenn Sie einen Vortrag über Hanns Eisler in Ihre Planungen einbeziehen können, stehe ich Ihnen gerne als kompetenter Partner zur Verfügung.

3. Wenn Sie vor allem Brecht und Brecht-Vertonungen u.a. von Hanns Eisler präsentieren wollen, empfehle ich Ihnen ein von mir konzipiertes Programm (One-Woman-Show) für die
Berliner Diseuse Ines Rabsilber:
„Keine Keuschheitsballade!“ – Brecht und die Frauen,
u.a. mit Liedern von Bruinier, Weill, Dessau und Eisler.

4. Wenn Sie vor allem Hanns Eisler vorstellen möchten,
empfehle ich Ihnen ein “ganz besonderes” Programm
mit dem Titel:
„Fragen Sie mehr über Brecht!“ – Ein musikalisches Interview
mit Hanns Eisler – das Team besteht aus einer Sängerin,
der Pianistin Helene Frucht und mir in der „Rolle“ von Hanns Eisler; zu Gehör kommen ausschließlich seine Kompositionen.

Wie auch immer Sie sich entscheiden:
Bitte helfen auch Sie mit, das Werk von Hanns Eisler nicht in Vergessenheit geraten zu lassen!
Seine Musik ist spannend, intelligent und witzig, einfühlsam – seine Persönlichkeit so streitbar wie seine Ansichten, aber in jedem Fall aussagekräftig, auch für unsere heutige Zeit!

Für Fragen und Anregungen stehe ich Ihnen gern zur Verfügung, einem Gedankenaustausch über E-Mail steht nichts im Wege!


“Ein Genie bin ich selber!”

Eine Erinnerung an den Komponisten Hanns Eisler anlässlich seines 50. Todestags am 6. September 2012.

“Nun senkt sich auf die Fluren nieder der süße Kitsch mit Zuckerei. Nun kommen alle, alle wieder: mit Franz Lehár und Holzschalmei.

Sie wollen sich mit Kunst betäuben, sie wollen nur noch Märchen sehn; sie wollen ihre Welt zerstäuben und neben der Epoche gehn. Das Bürgertum erliegt der Wucht: Flucht, Flucht, Flucht! So dichtet Dichter vom Atlantik, von Rittern und von Liebesnacht! Her, blaue Blume der Romantik! Er löste ihr die Brünne sacht…” Dieses Gedicht von Kurt Tucholsky aus dem Jahre 1930 vertonte Hanns Eisler Ende der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Der Titel? “Zuckerbrot und Peitsche” – Er sprach ihm wahrscheinlich aus der Seele, wie vielen Künstlern Ende der sogenannten “goldenen Zwanziger”, die in den Nationalsozialismus mündeten. Franz Lehár beherrschte mit seinen Operetten-Märchen die Bühnen, die Wagner-Werke hatten Hochkonjunktur: “Doch die Verhältnisse? Sie sind nicht so!” – klar formulierte Bert Brecht in seiner “Dreigroschenoper” 1928 den Zustand der Republik. Tucholsky spottete: “Eine Republike wider Willen! Deutsch ist deutsch, da helfen keine Pillen!”

Hanns Eisler wurde im gleichen Jahr wie Brecht geboren: 1898. Der eine in Leipzig, der andere in Augsburg. Mit seinen Eltern kam Eisler als Fünfjähriger nach Wien und blieb zeitlebens Österreicher. Er war gemeinsam mit seinem Bruder sehr früh politisch aktiv. In seiner kurzen Selbstbiographie vermeldet er: “1914 begann der erste Weltkrieg. Ich war gegen diesen Krieg und publizierte in meinem Gymnasium eine Schülerzeitschrift gegen den Krieg. Drei Wochen später wurde ich von der Staatspolizei untersucht. Meine Papiere und Partituren, denn ich fing früh an zu komponieren, wurden beschlagnahmt… Nun überspringe ich zwei Jahre Schützengraben, eine schwere Verwundung. 1918 kam ich aus dem Krieg und ging zu Arnold Schönberg, dem großen modernen Meister, um zu lernen.”

Dann folgt in dieser Lebensbeschreibung der wohl wichtigste Satz, der die Motivation für sein breit gefächertes Schaffen offenbart:
“Aber die Hörer machten mich unruhig. Ich frug mich als junger Komponist 1922: Für wen mache ich Musik?”

So begann Hanns Eisler sich einzumischen, Stellung zu beziehen, und wenn man das kriegerische Wort benützen möchte: Zu kämpfen! Er lehnte ab, siehe “Zuckerbrot und Peitsche”: Die spätbürgerliche Operette à la “Das Land des Lächelns”, Märchen für Erwachsene, für ihn wohl realitätsferner Kitsch; auch die internationalen Pultstars, denn er leitete Arbeiterchöre, den “Betrieb” in den Konzertsälen, Liederhallen und Opernhäusern, der “Zuckerbrot” produzierte, um die Peitschenschläge zu “versüßen”, Tucholsky bezeichnet diese “Produkte” als “Zuckerei”, gespielt auf einer wohltönenden Holzschalmei. Eisler setzte sich in Arbeiterkneipen an alte Klaviere und interpretierte, manchmal gemeinsam mit dem “Volkssänger” Ernst Busch neue Lieder, die aus der Situation der Zeit geboren waren, seine Kompositionen, mit Texten von Tucholsky – und von Bert Brecht, mit dem er ab 1929 intensiv zusammenarbeitete.

Der Stückeschreiber und Lyriker Brecht hatte vorher mit Kurt Weill einen “Gegenentwurf” zum musikdramatischen Theater entwickelt. Doch Weill hatte seine eigenen Pläne, die ihn weg aus Deutschland hin zum Broadway führten. Hanns Eisler, aus Überzeugung politisch “links”, stand Brechts An- und Einsichten nahe – ihre Zusammenarbeit endete erst mit Brechts Tod 1956, sie hielt auch über die Jahre der Emigration und erlebte eine dritte Phase in den Nachkriegsjahren in Berlin/Ost.

Doch bevor sich beide für den Aufbau der sogenannten DDR engagierten, endete die Zeit in den USA für beide vor politischen Ausschüssen “zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeiten”. Wobei Eisler in schwere Erklärungsnöte geriet, da man ihm nachweisen wollte, dass er Mitglied der kommunistischen Partei war. Original-Aufnahme von Teilen der Verhöre sind im Internet zu finden. Die Vorwürfe ließen sich für Eisler nicht mit einem einfachen “Ja” oder “Nein” beantworten. Wie er selbst in einem Interview aussagte: “Sie wollten, wegen den Zeitungsreportern, mich als ein Scheusal hinstellen, das ganz unflätige Sachen schreibt. Wie zum Beispiel die Ballade zum “Paragraphen 218: Abtreibung ist illegal” – das wurde in Amerika als “Pornographie” bezeichnet.

Arnold Schönberg, sein früherer Lehrer, Förderer, Wegbegleiter, äußerte sich 1947 im Zusammenhang mit Eislers Verhör in einem Brief: “Aber es ist wirklich zu dumm, dass erwachsene Menschen, Künstler, die wahrhaftig Besseres zu sagen haben sollten, sich mit Weltverbesserungstheorien einlassen, obwohl man ja aus der Geschichte wissen kann, wie all das ausgeht. Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich ihn wie einen dummen Jungen übers Knie legen… und ihn versprechen lassen, daß er nie mehr seinen Mund aufmacht und sich auf Notenschreiben beschränkt. Dafür hat er Talent, und das andere soll er andern überlassen.”

Viele teilen bis heute diese Auffassung, was ein Künstler “soll” oder “darf”. Während ich diese Zeilen schreibe tobt ein Meinungs”kampf” (wieder dieses kriegerische Wort) über das jüngste “Gedicht” von Günter Grass – doch Eisler hörte nicht auf sich einzumischen.

So gibt es, ähnlich wie bei Richard Wagner, “neben” dem großen und, wie ich finde, großartigen Musikschaffen sehr viele Äußerungen von Hanns Eisler zu Fragen der Zeit, der gesellschaftlichen Entwicklungen. Er hat in jedem Genre der Musik geschrieben: Lied, Chor, Kantate, Oper, Oratorium, Kammermusik und Symphonische Musik. Hört man heute Vertonungen von Brecht-Gedichten verschlägt es dem Zuhörenden “ob der Aktualität” mitunter den Atem.

Eisler war ein theatralischer Charakter, ein “Komödiant” im besten Sinne, musikalisch ab und an ein “Musikkabarettist”, wie zum Beispiel dem “Lied von der belebenden Wirkung des Geldes” anzuhören ist. Eindrucksvoll sind die “Hollywood Elegien” – ebenso seine “Deutsche Sinfonie”, die 1959 zur Uraufführung kam und verdient hätte, gespielt zu werden.

“Für wen machte dieser Hanns Eisler Musik?” – das ist die eine Frage. Und die zweite: Warum wird Hanns Eisler viel zu selten gespielt?”

Es hängt mit seiner Arbeit in Ost-Berlin zusammen, mit den Nationalpreisen der DDR. Viel zu leichtfertig wird Eisler auf die Hymne “Auferstanden aus Ruinen” reduziert. Zum einen gab es auch in der BRD Ende der vierziger und in den fünfziger Jahren Überlegungen, wie eine “Deutsche Nationalhymne” aussehen könnte – geradezu lächerlich waren und sind die Plagiatsvorwürfe, Eisler hätte sich eines “Schlagerliedes von Peter Kreuder” bedient. Doch Vorurteile helfen nicht weiter – genauso wenig wie bei Richard Wagner. Wer Einwände gegen das Werk zu haben glaubt, muss diese auch fundiert formulieren können.

Und dazu gehört Kenntnis des Werkes. Wie gültig Aussagen von Hanns Eisler sind, zeigt sich an folgendem Beispiel:

“Mir ist die Musik eine ernsthafte Angelegenheit. Wir haben noch nie untersucht, in den letzten fünfzig Jahren, was die Musik zum Beispiel in der Medizin ausrichten kann…” – von ihm in einem Interview Ende der fünfziger Jahre geäußert. Gleichfalls engagierte er sich für musikalische Früherziehung von Kindern.

Obwohl sich in den letzten zwei Jahrzehnten einiges in Bewegung gesetzt hat, beklagte der große Dirigent Daniel Barenboim jüngst und zurecht, dass immer noch viel zu wenig in diesem Bereich geschehe, dass von den Verantwortlichen in der Schul- und Kulturpolitik noch zu häufig Lippenbekenntnisse vorherrschten.

Die Bayreuther Festspiele gehen mit “Wagner für Kinder” konsequent den einzig richtigen Weg, um die Zukunft des musikalischen Theaters mitzugestalten und ein Stück weit zu sichern. Eisler bezieht sich in seinen Äußerungen ab und zu pointiert auf Wagner: “Wagner, Strauss – das sind die letzten, sehr schwächlichen Kämpfer für den Totalitätsbegriff der bürgerlichen Musik: Sie sind gegen Gebrauchsmusik, für seelische Erschütterungen… Wäre nicht der erste Weltkrieg gekommen, wäre ich wahrscheinlich ein Wagnerianer geblieben – ich habe aber im Krieg schon so viel Krach gehört, dass ich gesagt habe: Jetzt habe ich genug davon!”

In den “epischen” Momenten treffen sich die Werke von Brecht/Eisler und Wagner: “Erzählende Songs” und “Monologe” wie im “Ring” oder “Parsifal”. Überhaupt hat sich der “Gegensatz” von dramatischem und epischem Theater (der ja nur theoretisch bestand) längst in Luft aufgelöst.

1952 warnt Hanns Eisler vor einer generellen, “bei jüngeren Komponisten oftmals oberflächlichen Ablehnung Wagners”:
“Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Wagner ist notwendig! Zweifach ist zu warnen, 1. Vor unkritischem Wagnertum, denn dies würde die Entwicklung eines realistischen Opernstils gefährden. 2. Vor oberflächlicher, bohemehafter Unterschätzung dieses enormen Meisters. Leichtfertigkeit und Überheblichkeit helfen uns nicht weiter. Wer sich vor der Vergangenheit drücken will, hat keine Zukunft. Wer sich vor der Zukunft drücken will, pflegt seine Vergangenheit zu verleugnen.”

Und bereits 1935 beschreibt Eisler die Unterschiedlichkeit der künstlerischen Konzepte, der Wagners und der seinen bzw. des Brecht-Theaters:
“Es gibt zwei Arten, sich den großen Kunstwerken der Vergangenheit gegenüber zu verhalten. Die eine ist Anbetung, Verehrung, Gläubigkeit, grenzenloses Genießen, Ausschalten des Verstandes. Die andere könnte man als eine kritisch-historische bezeichnen.Sie schaltet den Verstand bei der Betrachtung eines großen Kunstwerkes nicht aus, sondern benützt ihn, um die Zeit und den Zweck, für welche das Kunstwerk geschrieben wurde, zu analysieren. Die eine Haltung produziert ergriffene, verrückte und berauschte Zuhörer, die andere Haltung kritische. Kritisches Verhalten schließt jedoch Genuss nicht aus!”

Dass ihm seine genaue Kenntnis des Wagner’schen Werkes auch Freude bereitete, zeigt sich in Eislers freundschaftlicher Verbundenheit mit Thomas Mann und bezieht sich auf die Emigrationszeit: “Das Wort ‘befreundet’ ist ein bisschen zu intim – aber man kann es fast eine väterliche Zuneigung nennen: Besuche von Haus zu Haus, die Familien kannten sich, ich war oft bei Mann – und das hat dem Brecht nicht gefallen. Mich amüsierte Thomas Mann außerordentlich. Das Interesse Manns für Musik – und zwar die ältesten Kisten wie Pfitzner und vor allem Wagner – reizte mich zum Widerspruch, dass wir wirklich hübsche Erzählungen hatten. Wissen Sie: Die Abende in der Emigration sind trübe – ein gutes Abendbrot bei Thomas Mann mit einem Gespräch über Wagner, das war sehr nett!”

Meine Lieblingsanekdote von Hanns Eisler gibt dieser kleinen Erinnerung den Titel. Hanns Eisler erläuterte einem Tontechniker seine sehr komplizierte Partitur. Der Tontechniker hörte zu, machte sich jedoch keine Notizen. Was den Komponisten immer unruhiger werden ließ. Schließlich fragte Eisler den Tonmann, warum er sich bei derart komplizierten Abläufen keine Notizen mache? Der antwortete lakonisch: “Das kann ich mir alles merken – worauf Hanns Eisler die geistreiche Pointe von sich gab:
Wenn Sie ein Genie sind, dann kann ich nicht mit Ihnen arbeiten – ein Genie bin ich selber!”

Claus J. Frankl ist Bayreuther Dramaturg, Bearbeiter und Moderator und spricht mit einem “besonderen Liederabend” vor allem die Schulen an, die Leistungskurse Deutsch und Musik. Unter dem Titel “Fragen Sie mehr über Brecht!” konzipierte er ein “musikalisches Interview”, mit Liedern von Hanns Eisler nach Texten von Brecht und Tucholsky sowie Aussagen des Komponisten aus den Gesprächen mit dem Berliner Dramaturgen Hans Bunge, die in Buchform unter gleichem Titel erschienen sind.

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