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Kaspar Hauser – Szenarium

Szenenablauf: „Kaspar Hauser: Das Leben ein Alptraum“ – Stand Juli 2010

„GESCHICHTE IST DIE LÜGE, AUF DIE SICH DIE HISTORIKER GEEINIGT HABEN.“ (VOLTAIRE)

ERSTER TEIL:

Prolog:
Die maskierte Aristokratie (Chor) feiert und tanzt. Der Lord ist unter den Gästen und trifft auf vier maskierte Kavaliere, die ihm eine neue Intrige in Aussicht stellen, mit der er als gewiefter Diplomat Geld verdienen kann. Zusammen mit seiner derzeitigen Kurtisane plant der englische Graf seine Abreise – nach Wien, wo der Kongress tagt.

Szene 1:
Neugierig stehen Nürnberger vor dem Tor zum Stall des Rittmeisters, in dem der „Findling“ liegt und schläft. Gendarmen sorgen für Ordnung, bis der Rittmeister endlich von seinem Pfingstausflug erscheint. Man schreibt das Jahr 1828. Ein Brief „an den Herrn Rittmeister“, den der wohl „zurückgebliebene Bauerntölpel“ bei sich hat, soll auf der Polizeiwache geöffnet werden.

Szene 2:
In einem Heurigengarten in Wien trennt sich der Lord von seiner eifersüchtigen Kurtisane. Die vier maskierten Kavaliere machen den Lord auf den Fall Kaspar Hauser aufmerksam. Während der Aristokrat eine Zeitung studiert, entsteht folgendes Bild…

Szene 3:
Wir sehen einen jungen Mann in neutraler Kleidung, der auf ein kleines Kind namens Kaspar Hauser in einem Kerker blickt und dessen Lage beschreibt (Musiknummer: „Schatten lauern an der Wand!“). Die Vision verschwindet, der Lord sieht für sich seine finanzielle Zukunft gesichert.

Szene 4:
Im Garten des Professors erregt sich dieser, fasziniert von der Besonderheit des Findlings, über die Öffentlichkeit, die die „Sensation“ des „wilden Kindes“ genießt. Der Wissenschaftler klärt mit seiner alten Mutter und seiner Schwester, dass sie den Kaspar zu sich ins Haus aufnehmen wollen. Ein Bote ruft den Gelehrten ins Rathaus.

Szene 5:
Dort ist der Bürgermeister gerade dabei, dem einflussreichen Baron, Kaufmann und Juristen den „Fall Kaspar Hauser“ zu erläutern. Gemeinsam mit dem Gefängniswärter, der Frau Rittmeister und dem Herrn Professor wird die Umsiedlung von Hauser aus der Gefängniszelle in der Burg ins Privathaus des Gymnasiallehrers beschlossen: Dort soll dem ausgesetzten jungen Menschen Erziehung zuteil werden. Die Entscheidungen drängen, da sich der gestrenge Herr Staatsrat und Gerichtspräsident aus dem Regierungssitz Ansbach zu einem Besuch angekündigt hat.

Szene 6:
In einem lauten Wirtshaus ist Kaspar Hauser abends der bierseligen Laune der Leute ausgesetzt. Das große, „verwahrloste“ Kind wird vorgeführt, gedemütigt und gequält. Der autoritäre Staatsrat macht dem unmenschlichen Treiben ein Ende und verfügt, dass Kaspar Hauser sofort zum Professor gebracht wird. Gleichzeitig hagelt es in Richtung Bürgermeister schwere Vorwürfe, dieser hätte mit seinen spekulativen Bekanntmachungen europaweit Unruhe gestiftet, auch gegen regierende Fürstenhäuser.

Szene 7:
Im Garten des Professors findet der erste Unterricht für Kaspar statt. Wörter und Bedeutungen werden geklärt, wobei der Sechzehnjährige sich als äußerst wissbegieriger und gelehriger Schüler zeigt. Der Professor ist stets aufs Neue beglückt.

Szene 8:
Der Lord und die vier maskierten Kavaliere, Agenten des badischen Hofes, treffen sich zu einer konspirativen Sitzung. Unter der Losung „Kaspar Hauser“ soll der Lord als Vergnügungsreisender unauffällig nach Nürnberg reisen, wo Mitte Oktober eine Aktion „gegen“ Kaspar passieren wird.

Szene 9:
Wiederum im Garten lehrt der Professor dem Kaspar „du und ich“, woraus sich eine Musiknummer entwickelt. Der Staatsrat erscheint, um sich zu verabschieden. Der sich gut entwickelnde junge Mann reagiert auf das Wörtchen „Ernst“, als sei er unter Hypnose. Mit Kopfschmerzen zieht er sich zurück und legt sich auf sein Bett. Der Staatsrat mahnt den Professor zur Vorsicht, er ahnt die Gefahren, die bevorstehen, wenn Kaspar zumindest partiell seine Erinnerungen zurückerobert.

Szene 10:
Kaspar liegt und durchlebt einen Alptraum: Er sieht sich als kleines Kind, das von seiner ungarischen Kinderfrau in einem öden Schloss in einer Gewitternacht zu seiner Mutter gebracht werden soll. Während des Wartens (Leitmotiv im Leben von Kaspar Hauser) studiert das Kind ein Wappen. Bevor sich jedoch die Türe öffnet, hinter der die Mutter wartet, packt ihn ein Mann mit weißem Mantel, das „Ungeheuer“, und trägt den schreienden Kleinen davon.

Szene 11:
Kaspar schreckt auf dem Traum hoch, verängstigt und aufgewühlt – er rennt in die Nacht hinaus. Dort beruhigt er sich und singt erneut von den Schatten, die ihn verfolgen. Währenddessen findet eine Pantomime statt: Das Double des erwachsenen Kaspars begibt sich zum Zeichnen in den Garten, zwei maskierte Fremde erscheinen, der Mann mit dem weißen Mantel hat ein Beil bei sich. Sie verüben ein Attentat auf Kaspar, dieser wird an der Stirne verwundet.

Szene 12:
Der Lord kommt genau in diesen Tagen mit den maskierten Kavalieren nach Nürnberg. Zwei von ihnen sind als „Pferdeknecht“ und „Kammerdiener“ verkleidet. Gemeinsam erläutern sie die „Gewaltaktion“, das fehl geschlagene Attentat brachte für den Findling viel neue Aufmerksamkeit – ein Anschlag jedoch zu welchem Zweck? Von welcher Seite? Von Baden oder Bayern gesteuert? Oder vielleicht doch Hausers eigene Tat? Der Lord wird beim Bürgermeister vorstellig und macht Eindruck.

Szene 13:
Kaspar liegt verletzt in seiner Kammer, hört die Stimme seiner französischen Mutter, die ihren „Ernst“ ruft – und wird von Vorahnungen eines frühen Todes geplagt. Der Staatsrat erhält von ihm eine Zeichnung des Wappens in seinen Träumen – damit hat der Politiker endlich einen „Schlüssel“ für seine Nachforschungen in den Händen. Der Staatsrat bittet Kaspar darüber hinaus, für ihn ein Tagebuch zu führen. Kaspar orientiert seine Hoffnungen jetzt vor allem auf den einflussreichen Regierungsbeamten, der Professor fühlt sich zurückgewiesen und ist zunehmend enttäuscht.

Szene 14:
Der Lord, der Pferdeknecht und der Kammerdiener beschließen ihre Abreise aus Nürnberg. In Karlsruhe wollen sie sich neue Instruktionen holen.

Szene 15:
Kaspar entdeckt in seinem Zimmerchen das Lügen. Um das Tagebuch kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Professor und Kaspar, der es seinem väterlichen Gönner nicht aushändigen will. Da der Professor sich außer Stande sieht, Kaspar zu vertrauen und dessen Sicherheit bei sich im Hause zu gewährleisten, wird Hauser umquartiert – zukünftig soll er mit seinem neuen Leibwächter in der Familie des Magistratsrates leben.

Szene 16:
Kaspar sitzt einmal mehr auf gepackten Koffern (Leitmotiv) – seine Seele empfindet Trauer – Musiknummer. Eine Magd der Magistratsrätin will ihn verführen, der unerfahrene junge Mann lässt sie abblitzen. – Durch den Bürgermeister erfährt er schließlich von einem Lord, der ihm aus der Ferne einen Brief und einen Ring sendet und ihn bald in Nürnberg kennenzulernen wünscht. Kaspar hofft, dass dieser englische Graf ein Bote seiner Mutter sei.

Szene 17:
Im Rathaus lernt Kaspar Hauser den Lord kennen – die beiden verbindet augenblicklich ein besonderes „Verhältnis“. Der Lord bezeichnet Hauser als „Kind Europas“.

Pause

ZWEITER TEIL:

Szene 1:
Ein Waldfest findet statt, es ist ein lauschiger Abend im Hochsommer. Der Lord ist seit 8 Wochen unterwegs, Kaspar lebt nach wie vor in der Familie der Magistratsrätin, bei deren Mann und ihrem Töchterchen Luise. Klassenkameraden planen eine neue Attacke auf den unbeliebten Mitschüler, ein umfangreiches Programm findet statt (Musiker, Chor und Turner) – die Magistratsrätin startet einen Verführungsversuch. Kaspar reagiert äußerst ablehnend, die vermeintliche Annäherung wird von Hausers Leibwächter, dem „Schatten“, aufgedeckt, es kommt zu einem handfesten Skandal. Die alkoholisierte ältere Dame beschuldigt Kaspar und setzt ihn prompt vor die Tür. Nun soll Kaspar bei seinem offiziellen Vormund, dem Baron, leben, bis sich der Lord wieder einfindet.

Szene 2:
Kaspar, heimatlos und traurig, sitzt auf gepacktem Koffer (Musiknummer)

Szene 3:
In einem vornehmen Ansbacher Hotel beraten der Staatsrat und der Lord über dessen geplante Adoption des inzwischen überall unwillkommenen „Unruhestifters“. Beide geben vor, Kaspar zu seiner aristokratischen Mutter bringen zu wollen. Doch selbst nach Adoption muss Hauser nach Willen des Staatsrats auf bayerischem Boden bleiben. Der Lord sieht sich am Rande seiner Möglichkeiten, Kaspars Schicksal irgendwie zu lenken. Zudem bereitet ihm dessen Offenherzigkeit zunehmend Gewissenskonflikte zwischen privater Sympathie und der Kaltherzigkeit eines professionellen Intriganten.

Szene 4:
Vor dem Hotel in Ansbach wird der Empfang des berühmten Findelkindes vorbereitet, die Spekulationen von Bürgern treiben seltsame Blüten. Nachdem sich alle entfernen mussten, begrüßt der Lord seinen neu gebackenen Adoptivsohn, der sich ihm so uneingeschränkt anvertraut. Sowohl im „Schatten“, also dem Leibwächter für Kaspar, als auch im zur Seite gestellten Polizeikommissär erkennen wir maskierte Kavaliere/Agenten des badischen Hofs.

Szene 5:
Im Hause des Lehrer-Ehepaares, bei dem Kaspar zukünftig Kost, Logis und weitere Lektionen erhalten soll, ist alles für den zukünftigen Gast des Hauses vorbereitet. Der Lord erscheint mit Kaspar, kündigt neue Reisen an, was diesen vor vollendete Tatsachen stellt – Kaspar erscheint dem Lehrer arrogant und geckenhaft.

Szene 6:
Am gleichen Abend findet eine Abendgesellschaft bei einer adeligen Witwe, der Freifrau, statt. Kaspar lernt die bezaubernde Lila kennen, die ein Schubert-Lied singt. Während der Lord, der angereiste Baron und der Staatsrat die Zukunft von Hauser diskutieren, kommen sich Kaspar und das adelige, junge Fräulein beim Tanz ein wenig näher. In Kaspar regt sich ein erstes Gefühl von Verliebtheit.

Szene 7:
In der gleichen Nacht kommt es zwischen dem Lord und Kaspar zu einer Auseinandersetzung, wiederum wegen des Tagebuchs. Kaspar möchte es seinem „neuen“ Vater nicht aushändigen. Während Hauser schläft, bereitet der Lord seine überstürzte Abreise vor und stellt Kaspar vor vollendete Tatsachen. Er lässt Kaspar alleine in Ansbach zurück und verspricht, sich weiterhin dafür einzusetzen, dass Kaspar endlich seine Mutter kennenlernt und die Identität des Findlings klärt.

Szene 8:
Der Staatsrat erklärt seiner Tochter, dass er die Wahrheit über Kaspar herausgefunden und veröffentlich hat. Nun fehlt nur noch das öffentliche Bekenntnis der aristokratischen Dame zu ihrem Sohn. Daher muss er verreisen. Die Tochter plagen Vorahnungen. In einem Gespräch mit Kaspar äußert der Staatsrat seinen Verdacht, dass das mit Kaspar ausgetauschte Kind wohl bei den Toten zu suchen sei. Auch er verspricht, Kaspar die Mutter bringen zu wollen. Ein nächster Abschied.

Szene 9:
Die Freifrau und Lila proben für eine Hamlet-Aufführung. Kaspar besucht die Probe, um Lila zu sehen, in die er sich verliebt hat. In einen intimen Moment von Zweisamkeit platzt die Nachricht, dass der Herr Staatsrat auf seiner Reise verstorben ist. Die Tochter des Gerichtspräsidenten klagt Kaspar an, indirekt am Tod ihres Vaters schuldig geworden zu sein.

Szene 10:
Vereinsamt und infolge ausbleibender finanzieller Mittel des Lords verarmt, verbringt Kaspar hoffnungslos die Adventszeit. Im Hause des Lehrers herrscht ihm gegenüber ein frostiger Ton des Misstrauens. Gerade hat der Lehrer einen Brief des Lords erhalten, der diesen nun aus der Ferne ganz offiziell als „Betrüger“ diffamiert! Als der Polizeikommissär Kaspar wie einen Gefangenen in sein Domizil zurückbringt, verlangt der Lehrer im Namen des Lords die Aushändigung des Tagebuchs. Kaspar hatte sich längst dazu entschlossen, es ausschließlich für seine Mutter weiterführen zu wollen. Er verweigert die Herausgabe – der Polizeikommissär hatte es jedoch bei einer unerlaubten Zimmerdurchsuchung bereits gefunden. Damit es kein Unbefugter jemals in die Finger bekommt, verbrennt Kaspar Hauser das Tagebuch vor aller Augen.

Szene 11:
Verzweifelt und tief getroffen schreit Kaspar sein Elend in die Schnee-Nacht hinaus. Nur Lila steht ihm freundschaftlich zur Seite und versucht ihn zu trösten. Doch Kaspar ist wie von Sinnen und berichtet, dass sich am Nachmittag ein feiner Herr an ihn gewandt hatte und sich als Bote der Mutter zu erkennen gab. Es fiel ihm gegenüber sogar das Wort „Prinz“. Lila beschwört Kaspar, dem mysteriösen Fremden nicht zu vertrauen, doch Kaspar ringt ihr das Versprechen von Verschwiegenheit ab.

Szene 12:
Nicht realistisch, sondern wie in einem Alptraum erleben wir, wie der nun erwachsene Kaspar durch das öde Schloss eilt, konfrontiert mit Vorwürfen einer maskierten Gesellschaft, die sich vereinzelt desmaskieren und sich als Weggefährten zu erkennen geben, um an die Türe zu gelangen, hinter der angeblich seine Mutter auf ihn wartet. Ihm folgt der Mann mit dem weißen Mantel – in dem Moment, wo Kaspar die Türe öffnen will, umfängt der Mann mit dem weißen Mantel Kaspar Hauser und entzieht diesen unseren Blicken.

Szene 13:
Durch den Lord und die maskierten Kavaliere erfahren wir, dass Kaspar Hauser tot ist: Mord oder Selbstmord, das ist hier die Frage! Jedenfalls liegt er nun auf dem Stadtfriedhof in Ansbach, auf seinem Grabstein steht: „Rätsel seiner Zeit“. Welches Ungeheuer hat ihn auf dem Gewissen? Es war nicht nur eines, es waren viele.

Epilog:
Die maskierte Adelsgesellschaft desmaskiert sich und besingt noch einmal das „von Schatten“ verfolgte, tragische Schicksal jenes „Kaspar Hauser“, dessen rätselhaftes Leben wohl niemals restlos aufgeklärt werden kann…

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