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König Ludwig II. bei Karl May

“Der Weg zum Glück”

König Ludwig der Zweite bei Karl May

Bei Karl May? Das kann doch nur ein Irrtum sein. Winnetou, ja! Old Shatterhand, selbstverständlich! Kara Ben Nemsi, ist doch klar. Aber König Ludwig der Zweite? “Unser” König Ludwig von Bayern? Und doch stimmt es, auch wenn nur noch wenige Karl-May-Leser oder Ludwig-Fans davon wissen…

Die Biographie von Karl May interessierte mich bereits seit Jahren, nur fehlte es an Zeit und Anlass, mich ausführlich mit dem Leben des viel gelesenen Schriftstellers zu beschäftigen. Übrigens wurde der berühmte “andere” Sachse 1842 (im Dresdner Uraufführungsjahr des “Rienzi”) geboren und verstarb 1912 in seiner “Villa Old Shatterhand” in Radebeul bei Dresden. Karl May war also drei Jahre älter als Ludwig der Zweite von Bayern. Die Leben hätten nicht unterschiedlicher verlaufen können! Und doch: Der eine über acht Jahre als Krimineller “hinter Gittern”, der andere am Ende seines Lebens in Schloß Berg als “Irrer” eingesperrt.

Auch als Jugendlicher hatte ich nicht einen seiner Romane gelesen – mich interessierten damals “Siegfried”, “Gunter” und “Hagen” in den “Heldensagen” und bei Wagner – und etwas später “Lohengrin”, “Parsifal” und “Tristan”… Natürlich sah ich einige “Winnetou”-Filme, aber meine damalige Konzentration auf Richard Wagner , den “ersten Sachsen” in meinem Leben verhinderte ein Kennenlernen der Welt Karl Mays und ihres “Schöpfers”.

Exakt im vergangenen Sommer begann meine Entdeckungsreise. Ausgehend vom 100. Todestag Karl Mays im Frühjahr 2012 wollte ich ein Stück über den Sachsen schreiben, vielmehr eine Art von Revue – mit einer fiktiven Begegnung von Karl May und Richard dem “Ersten”. Denn mein immer währender Anknüpfungspunkt ist ja der “andere berühmte” Sachse: Richard Wagner. Was findet sich bei Karl May über Richard Wagner? Gibt es da Berührungen, möglicherweise Gemeinsamkeiten?

Also begann ich zu recherchieren, zu lesen, zu forschen – ich stieß auf “gar manches” mich Überraschendes. So wusste ich zum Beispiel nicht, daß Karl May musikalisch ausgebildet war, selbst Orgel spielte und sogar komponierte! Das brachte ihn mir deutlich näher. Dann erfuhr ich in wissenschaftlichen Untersuchungen und sogenannten “Werkanalysen”, wo er das Wagner’sche Werk – oder die Ideen einzelner Schöpfungen wie “Der Ring des Nibelungen” als Zyklus – in seinem Schaffen zur Erwähnung brachte.

Man denke nur an die merkwürdige Figur des “Kantor Emeritus Matthäus Aurelius Hampel” im Roman “Der Ölprinz”, der in den Wilden Westen reist, um dort Anregungen für eine “Opern-Trilogie” zu finden. Für sein Projekt sucht er den “Stoff für einen kräftigen, einen gigantischen, einen wahrhaft kyklopischen Text” – und ist sogar bereit, eigenmächtig einen blutigen Kampf herbeizuführen, um aus den Schlachtenszenen Inspiration für seine Oper zu beziehen! Karl May offenbart hier einen durchaus gerechtfertigten Blick auf eine mitunter vorhandene Realitätsblindheit “des Künstlers”, die in Inhumanität umschlägt, wenn es um “seine Kunst” geht – so wie Wagner von mancherlei Untergangs-Visionen phantasierte.

Der “Arzt” für die Verblendungen des egoistischen, machtbesessenen Mannes ist bei Karl May knapp und prägnant benannt: “Frau” – so wie die letzte Melodie Wagners am Ende der “Götterdämmerung” sich zwar auf die Geburt von “Siegfried” bezieht, sich aber als Hymne von einer Frau (Sieglinde) auf die Großherzigkeit und den selbstlosen Mut einer anderen Frau (Brünnhilde) offenbart – was leider häufig interpretatorisch falsch verstanden wird… So stieß ich schließlich auf einen sogenannten Kolportageroman mit dem Titel: “Der Weg zum Glück”.

Nun bin ich beim Thema:
Ein Kolportageroman von Karl May. Von wann? Aus den Jahren 1886/87 – der Untertitel: “Höchst interessante Begebenheiten aus dem Leben und Wirken des Königs Ludwig des Zweiten von Baiern” von Karl May. Ein Kolportageroman? Meint “Kolportage” nicht Trivialliteratur? Gleichzusetzen heutzutage mit “Schund”? Wie passt dazu die historisch spannende Figur des Bayern-Königs, dessen 125. Todestags die Welt am Pfingstmontag, 13. Juni 2011 gedenkt? Der derzeit in einer großen Landesausstellung in Oberbayern, in seinem Schloß Herrenchiemsee, porträtiert wird? “Götterdämmerung” ist der vielsagende Titel dieser umfangreichen Beleuchtung einer einzigartigen Persönlichkeit – und dazu Karl May? Wie passt das zusammen?

Nun, Kolportage im 19. Jahrhundert meinte nicht zwangsläufig “trivial” und schon gar nicht Schund. Es bedeutete lediglich, daß Schriften von Hausierern leihweise in Privathaushalte gebracht wurden. Diese dabei “herbeigetragenen” Werke reichten von religiöser “Erbauungsliteratur” bis hin zu volkstümlicher Unterhaltung, worin auch Märchen und Schauergeschichten enthalten waren.

Nachdem sich die großen Verlage allmählich aus diesem Geschäft zurückgezogen hatten, brachten Hausierer auch Wochen- und Monatszeitschriften – mit Fortsetzungsromanen, die dem breiten Geschmack entsprachen. Für solch einen Verleger in Dresden arbeitete Karl May unter anderen, und so kreierte er insgesamt fünf umfangreiche Kolportage-Romane, überwiegend um 1880. Der “Erfolgreichste” dieser Serie ist “Das Waldröschen”, der Letzte “Der Weg zum Glück” aus den Jahren 1886/87.

Karl May begann mit seinen “höchst interessanten Begebenheiten” unmittelbar nach dem mysteriösen Tod des Monarchen im Juni 1886 – er schuf insgesamt 109 Lieferungen, also Fortsetzungen, so daß dieses Werk insgesamt nicht weniger als 2616 Seiten umfasst. Das sind heute ganze sechs Bände, die in großen Bibliotheken vorliegen – und die ich tatsächlich auch las, um für mich zu entdecken, wie Karl May Ludwig und eventuell auch Wagner darstellte. Doch zurück zum Wort “Kolportage” – es beschreibt zunächst einmal einen rein äußeren Umstand: Nach Hause gebracht und eventuell in Fortsetzungen  – doch was hat es mit dem Vorwurf “trivial” auf sich?

Selbstverständlich ist, daß sich derartige Romane an eine breit gefächerte Leserschaft richteten – und, sollten sie “konsumiert”, und damit auch finanziell erfolgreich sein, somit auch einen bestimmten Geschmack treffen mussten. Das bedeutet, daß Karl May kein Ludwig-Bild kreieren wollte oder konnte, das wissenschaftlich nachweisbar, historisch “wahrheitsgetreu” einer kritischen Überprüfung standhalten würde, sondern er sich vielmehr des Charakters der Kolportage bediente, der sich von jeher mit Vorliebe sensationeller Tagesereignisse bediente, die dann auch noch entsprechend übertrieben dargestellt wurden, was das Wort “kolportieren” beschreibt:
Nämlich als Umgang mit Gerüchten, mit Halb- und Unwahrheiten, dem Aufbauschen von Alltäglichem hin zu überdimensionalen Geschehnissen – wozu natürlich gerade der tragische und bis heute nicht vollkommen geklärte, mysteriöse Tod des Königs von Bayern geradezu herausforderte:
“König findet aus unerklärlichen Gründen im Starnberger See ein allzufrühes Ende – Wahnsinn, Selbstmord oder gar Mord?” – einfach zum Gruseln, Gänsehaut-Effekt garantiert!

Wie geht nun Karl May mit dem sogenannten “Märchenkönig” literarisch um?

Er macht aus Ludwig einen Gut-Menschen, einen ausgesprochenen Menschenfreund! Der kunstliebende König, der Mäzen Wagners, mischt sich unter das einfache Volk, entdeckt und fördert Begabungen und belohnt sie schließlich geradezu königlich. Dabei erscheint absolut zweitrangig, ob Mays Bild über Ludwig II. auch nur annähernd mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Der Autor fesselt seine Leser, wie es im Vorwort zur Buch-Ausgabe heißt: “…indem er mit wenigen, doch eindrucksstarken Strichen volkstümliche Charaktere zu formen versteht, die der Vorstellungswelt der breiten Masse entsprochen haben mögen.” Ich nenne das die “Lieschen Müller” – Perspektive.

Und was Karl May nicht alles eingefallen ist! Wie er fabuliert und sich ausmalt, wen oder was Ludwig auf dem “Weg zum Glück” beeinflusst haben könnte. Liest man Jean Paul, entsteht sogleich eine ehrliche Bewunderung für des Dichters Fabulierfreudigkeit – eine ähnliche Sympathie stellt sich für Karl May ein, ein freundliches Kopfschütteln, ein mittunter ungläubiges Staunen: “Wie kommt er nur darauf?”

Bei allem Respekt müssen jedoch Mays Kenntnisse über die Sitten der Bayern oder über das Verhältnis Ludwig – Wagner äußerst erheitern wirken – und ebenso der oberbayerische Dialekt, den der damals schon sehr erfolgreiche und inzwischen reich gewordene Schriftsteller an seinem Schreibtisch erdacht hat. Woher er diese urkomische Sprache hat, das bleibt ebenso sein Geheimnis wie die Überlegung, woher er seine “Informationen” über Land und Leute – und über diesen besonders tragischen Monarchen bezog…

Es ist gerade so, wie König Ludwig “ein ewig Geheimnis bleiben wollte, sich und den anderen”…

So beschloss ich also, am Pfingstmontag, 13. Juni, direkt am 125. Todestag, aus diesem Karl-May-Roman in Bayreuth zu lesen – im undankbaren Festspielstädtchen, das keine offizielle Gedenkveranstaltung für Ludwig auf die Beine stellen konnte. Dabei weiß doch die ganze Welt (und Bayreuth erst recht), was Ludwig für Wagner getan hat und wie sehr er, der Gönner des Komponisten, die Idee von Festspielen im Markgrafen-Städtchen unterstützt hat, nicht zuletzt finanziell. Ludwig der Zweite wurde im “Tannhäuser” – Uraufführungsjahr 1845 geboren. Eine Venusberg-Grotte entstand zeitgleich zum Festspielhaus in Bayreuth auf seinem Schloss Linderhof.

Dass Ludwig an einem 13. starb, verbindet ihn ebenso mit seinem musikalischen “Idol”, das Sterbejahr 1886 hat Ludwig mit Franz Liszt gemeinsam – und mit der ersten Inszenierung von “Tristan und Isolde” bei den Festspielen 1886, jenem Werk, das 1865 auf Anweisung des Königs zunächst im München uraufgeführt werden musste und konnte – so schließt sich dieser Bogen. Dreht man die Zahlen um, ergibt sich daraus der Liszt-Todestag 1886, der 31. Juli.

Im Roman geht es in ganz verschiedenen Handlungssträngen um schicksalshafte Wendungen im Leben von Menschen, denen Ludwig auf seinen Reisen begegnet, zwischen München und Rosenheim, zwischen Herrenchiemsee und Neuschwanstein, irgendwo auf Almen oder in Kurbädern. Da gibt es permanent Überraschungen oder Entdeckungen, mit denen niemand rechnen konnte – Es geht um geraubte Kinder, um ausgebeutete Fährmänner, die zu gefeierten Opern-Komponisten werden, um Theaterneubauten und – weihen, um Betrug, Besitzgier und Verluste, zum Beispiel von Erbschaften – oder eben auch um Wagner und die Welt der Oper.

Unter anderem gibt es Episoden, die mit einer Sennerin, der sogenannten Muhrenleni, und ihrem Paten, dem “Wurzelsepp” zu tun haben. Auf einer Alm singen beide zu Beginn des Romans die Tiroler Volksweise “Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd’!” Der König kommt “zufällig” vorbei, hört die Stimme der Leni, lernt das außergewöhnliche Mädchen kennen und beschließt, aus ihr eine “Brünnhild, eine Walküre oder eine Isolde” zu machen, ihr die Gesangsausbildung zu finanzieren. Doch die junge Sennerin hat einen Liebsten, den Anton, der ein gesuchter Wilderer ist. Gegen den Willen dieses “Krikel-Antons” geht sie “ins München” und folgt dem Wunsch Seiner Majestät. Sie opfert ihre private Liebe der musikdramatischen Kunst. Ein komödiantischer Höhepunkt, jedenfalls für Wagner-Freunde, ist wohl ein Dialog im Wirtshaus zwischen dem Wurzelsepp und dem Ex-Liebhaber Anton, wenn es darum geht, daß Leni von Wagner in München unterrichtet wird, wie Sepp zu berichten weiß:

“Es ist da ein Compernist, der heißt Wagner und Richard auch. Auf den hält der König sehr große Stucken. Er soll ein vielgescheiter Kerl sein und ein Musiken comperniern, wie noch niemals ein Anderer eine comperniert hat. Der verinteressiert sich sehr für die Leni und kommt, um zu hören, was sie indes wieder gelernt hat. Und beim letzten Male war ich in der anderen Stub’ und konnt’ durch die Glastüren hineinblicken. Da musst’ die Leni den Oberkörper weit vorwerfen und mit den Armen so hinausschlagen, als ob sie schwimmen wollt’ – Ja, es gibt ein Theaterstucken, worinnen das vorkommt. Rheingold heißt’s.

Und nachher, als sie so in der Stuben schwamm, aber freilich ohne Wasser, da setzt er sich ans Klavier und begann zu spielen. Nachher rief er laut:
‘Jetzunder, Woglinde, jetzt.’ – Und dann sang sie zum Schwimmen: “Weia, woge zur Wiege, du Welle – Wallala, weiala, weia!”

Die Reaktion des immer noch eifersüchtigen Anton auf diese Schilderung:
“Himmelsakra, das ist doch eine Dummheiten, wie’s gar keine zweite nimmer gibt! Das kann doch nur ein ganz verruckter Kerl singen! Das sind doch gar keine richtigen Versen!”

Darauf der Sepp: “Na, behüt dich Gott, Anton, bist du dumm! Wann eine schwimmt, soll sie auch noch richtige Versen singen? Spring du doch mal ins Wasser und sing ein Gstanzl mit einem Jodler, wenn dir dabei das Wasser ins Maul läuft und zur Nasen wieder heraus! Da verstehst du halt gar nichts davon!”

Ganz am Schluß stirbt der Wurzelsepp im gleichen Augenblick wie sein “geliebter Kini” – er hatte erfahren, daß man den König als “wahnsinnig” brandmarkte und entmachten wollte, daß dieser von Neuschwanstein unter Aufsicht von Doktor von Gudden auf Schloß Berg am Starnberger See “entführt” und dort “inhaftiert” wurde. Nun plagt den von Entsetzen und einer tiefen Trauer gepeinigten Sepp die Vision, daß der König diese Schande niemals überleben könnte und ins Wasser gehen würde… Als dieses genau so eintrifft, geht des Wurzelsepps eigenes Leben aus innerer Verbundenheit zu seinem Ludwig im gleichen Augenblick zu Ende – sozusagen ein “Liebestod”.

Beide verlassen in der Nacht des Pfingstmontags, 13. Juni 1886 ihr Erdendasein – Ende.

Und obwohl oder vielleicht gerade, weil dieser Roman eine riesige Ansammlung von Klischees und “Einsichten” ist, bei denen der Leser zwangsläufig rätselt, wie “ernst” Karl May es mit solchen Schilderungen gemeint haben könnte, bietet sich gerade diese Kolportage hervorragend an, um weiterzuleben, als ein Theaterstück, ein Musical oder eine Verfilmung. Der Unterhaltungsfaktor ist grandios – die Pointen verfehlen ihre Wirkung nicht, wie ich selbst am 13. Juni 2011 bei “meinen” Zuhörern in Bayreuth feststellen durfte.

Unmittelbar nach dem geheimnisvollen Ableben Ludwigs setzte eine wahre Flut von Interpretationen ein – die von Karl May ist in jeder Beziehung bemerkenswert und wahrlich außergewöhnlich – und nimmt zurecht eine Sonderstellung ein – trotz, oder vielleicht gerade durch den Effekt einer prachtvoll erdachten “Kolportage”.

Claus J. Frankl ist gebürtiger Bayreuther, Dramaturg, Regisseur und Autor.

Aus seiner Feder stammen die Bühnenfassungen von “Der Name der Rose” nach Eco, “Schlafes Bruder” nach Schneider oder “Kaspar Hauser: Das Leben ein Alptraum!” – Seine Karl – May – Revue für 2012 heißt: “Old Shatterhand – der bin ich!” – Einen Schwerpunkt bildet hierbei die fiktive Begegnung von zwei Sachsen, die sich nachweislich niemals begegnet sind, obwohl dies durchaus im Bereich des Möglichen war: Richard Wagner und Karl May!

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