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Psychogramm von Sarah Bernhardt

Sarah Bernhardts Persönlichkeit ist extrem zwiespältig. Ihr Charakter befindet sich im ständigen Spannungsfeld zwischen schlichter Natürlichkeit und übersteigertem Geltungsdrang, zwischen bewundernswerter Selbstlosigkeit und einem grenzenlosen Totalitätsanspruch an ihre Umwelt.

Bei der Realisierung ihrer beruflichen Ziele besticht sie durch Genialität, Fleiß, Durchsetzungskraft sowie eiserne Disziplin und Perfektionismus. Außerdem setzte Sarah instinktsicher ihre weiblich-diplomatische Raffinesse ein. Oftmals brachte diese Haltung sogar Tyrannei und die Provokation von Skandalen mit sich. Trotzdem trafen sie berufliche Misserfolge tief und führten zuweilen zu depressivem Verhalten.

Depression, Verzweiflung und Demütigung erfährt Sarah vor allem auch im privaten, intimen Bereich, wo sie Mutter, Ehefrau und im wesentlichen Liebhaberin ist. Zwar ist sie ständig auf der Suche nach der „wahren Liebe“ und erfährt auch bezaubernde Stunden voller Leidenschaft und Romantik, doch arten ihre Beziehungen häufig in unersättliche, fast exzessive Befriedigung von Lust und Trieb aus. Eine besondere Rolle in ihrem Leben „spielte“ ihr einziger Sohn Maurice, der in Ermangelung eines dauerhaften Partners der Mutter, zum Fixpunkt ihres Privatlebens wurde. Alleine nur dieses „Verhältnis“ zu analysieren, würde Seiten füllen und muss in einer theatralischen Präsentation von Sarah einen zentralen Punkt darstellen.

Im völligen Gegensatz zu „Ausschweifungen” steht ihre tiefe Religiosität und paradoxerweise auch eine intensive Todessehnsucht, in die sie im Falle menschlicher Enttäuschungen verfällt.
Ein weiteres Ventil, solche negativen Empfindungen zu kompensieren, ist ihre fanatische Liebe zu Tieren: „weil diese nicht das schreckliche Gift der Worte kennen!“ – Entsprechend zahlreich sind ausgefallene Tierarten in ihrem Haus vertreten. Karrieresucht und Luxusdenken gehören mit Sarahs zunehmendem Alter zur Notwendigkeit, werden jedoch durch ihre selbstlose Hilfsbereitschaft, als Krankenschwester im Lazarett beispielsweise, wieder im Sinne der üblichen Polarität, die ihren Charakter bestimmt, ausgeglichen. Dies spiegelt sich in all ihren Lebensbereichen wider. Als Leiterin ihres eigenen Theaters zeichnet sie sich durch großes Verantwortungsbewusstsein aus. Genauso groß war ihre Gleichgültigkeit gegenüber manchen ihrer Liebhaber, nachdem der körperliche Reiz erloschen war. Trotzdem gelang es ihr, ihre vergangenen Beziehungen nach einiger Zeit der Distanz auf einer platonischen Ebene neu zu beleben.

Durch ihre Souveränität und Diplomatie im Umgang mit Männern führte Sarah eine der bedeutendsten historischen Entwicklungen herbei. Mit ihrem angeborenen Widerspruchsgeist lebte sie die Gleichberechtigung der Frau vor und bekämpfte als unerschrockene „Grande Dame” Dünkel, Ungerechtigkeit und die scheinheilige Moral der männlichen Vormachtstellung, die ihre Zeit beherrschte, ohne dabei an Weiblichkeit zu verlieren. Ebenfalls bemerkenswert war die Völkerverständigung, zu der sie durch zahlreiche Tourneen in ganz Europa sowie Nord- und Südamerika und Australien beitrug.

Schließlich stellt sich zwangsläufig die Frage, worin dieser Zwiespalt ihrer Persönlichkeit begründet ist. Die einzig mögliche Antwort hierauf ist in ihrem Lebensstil zu finden. Sie bewegte sich ständig zwischen harter Realität und phantastischer Illusion, die sie in den Zustand hochsensibler Zerbrechlichkeit versetzte. Daraus resultierte mitunter eine Unfähigkeit, zwischen Traum und Realität unterscheiden zu können. Entsprechend der jeweiligen Situation traf sie rein rationale oder rein emotionale Entscheidungen, die Sarahs kontroverses Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit zur Folge hatten. Dieses Bild jedoch wurde durch ihr überwältigendes schauspielerisches Können von der Gesellschaft bzw. ihrem Publikum verdrängt, denn wenn Sarah Bernhardt auf der Bühne stand, zog sie Massen in ihren Bann und konnte sich dadurch ihre Exzentrik im wahren Leben erlauben.

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